Unter den Feldern Sachsen-Anhalts, wo jahrzehntelang ausschließlich fossile Brennstoffe gefördert wurden, verbirgt sich ein Rohstoff mit enormer Zukunftsbedeutung. Das Altmark-Becken könnte sich von einer historischen Gasförderregion zu einem zentralen Lieferanten für die Elektromobilität wandeln. In Tiefen von mehreren Kilometern lagern mineralreiche Solen, deren Inhaltsstoffe nicht verbrannt, sondern in Batterien gespeichert werden sollen. Mit geschätzten 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonatäquivalent bestätigt die Region eines der bedeutendsten Vorkommen weltweit.
Ein geologisches Erbe vulkanischen Ursprungs
Die Lithiumlagerstätte im Altmark-Becken unterscheidet sich grundlegend von klassischen Abbaugebieten. Während Australien auf Hartgestein und Südamerika auf Verdunstungsbecken setzt, präsentiert Deutschland einen hydrothermalen Ansatz. In Tiefen zwischen 3.200 und 4.000 Metern finden sich Solen mit durchschnittlich 375 Milligramm Lithium pro Liter. Diese Konzentrationen entstanden durch einen Prozess, der Millionen Jahre umfasste und durch intensive Wärmeeinwirkung gesteuert wurde.
Wissenschaftliche Untersuchungen, präsentiert auf der EAGE-Jahreskonferenz 2025, identifizierten vulkanisches Ausgangsmaterial als Quelle des Lithiums. Glimmerminerale in umgelagerten vulkanischen Schichten setzten unter den extremen Temperaturen des Untergrunds kontinuierlich das begehrte Element frei. Der geothermische Gradient überschreitet hier 120°C, was nicht nur die Mineralauflösung begünstigte, sondern auch parallele Nutzungsmöglichkeiten durch Erdwärmegewinnung eröffnet. Die Rotliegend-Sandsteinformation bildet das zentrale Reservoir, das bislang kaum erschlossen wurde.
| Geologische Eigenschaft | Kennwert |
|---|---|
| Reservoirtiefe | 3.200 – 4.000 Meter |
| Lithiumgehalt | 375 mg/L |
| Temperaturanstieg pro Tiefe | >120°C |
| Ressourcenschätzung (LCE) | 43 Mio. Tonnen |
Im Gegensatz zu südamerikanischen Salzseen, wo verdunstetes Meerwasser eine Rolle spielt, stammt das deutsche Lithium ausschließlich aus mineralischer Auslaugung vor Ort. Diese geochemische Einheitlichkeit des Aquifers stellt einen erheblichen Vorteil für die spätere industrielle Verarbeitung dar. Neptune Energy, verantwortlich für das Projekt, verfügt über eine Produktionslizenz namens Jeetze-L sowie drei angrenzende Explorationslizenzen.
Technologie der nächsten Generation für unterirdische Förderung
Die Gewinnung aus tiefen Solequellen erfordert innovative Verfahren, die sich fundamental von konventionellen Methoden unterscheiden. Neptune Energy schloss im August 2025 ein zweites Pilotprojekt erfolgreich ab, das batteriefähiges Lithiumkarbonat mittels Ionenaustausch produzierte. Diese Technik gehört zur Kategorie der direkten Lithiumextraktion (DLE), einem Verfahren, bei dem die Sole hochgepumpt, das Lithium selektiv isoliert und die verbleibende Flüssigkeit anschließend zurückgeführt wird.
Ein drittes Pilotprojekt, das im September startete, testet einen alternativen Ansatz auf Adsorptionsbasis. Diese geschlossenen Systeme bieten zahlreiche Vorteile gegenüber traditionellen Methoden :
- Minimaler Flächenbedarf im Vergleich zu ausgedehnten Verdunstungsbecken
- Drastisch reduzierter Wasserverbrauch in der Produktion
- Verzicht auf großflächige Tagebauoperationen
- Modulare, kompakte Anlagenarchitektur
- Nutzung vorhandener Infrastruktur aus der Gasförderung
Konventionelle Lithiumgewinnung in Chile, Argentinien oder Bolivien benötigt 12 bis 18 Monate für die solare Verdunstung. Diese Methode verbraucht massive Wassermengen in ohnehin trockenen Regionen. Die Harvard International Review dokumentiert Konflikte zwischen Bergbauunternehmen und indigenen Gemeinschaften über Umweltschäden und Ressourcenkontrolle. Die deutsche Alternative vermeidet diese Probleme durch ihr unterirdisches, geschlossenes Verfahren.
Strategische Bedeutung für europäische Rohstoffautonomie
Europa befand sich lange in einer unbefriedigenden Abhängigkeit. China dominiert die Weiterverarbeitung, südamerikanische Staaten kontrollieren die Primärquellen. Der Kontinent blieb ein passiver Beobachter in einem Markt, der für die Transformation der Mobilität entscheidend ist. Das Critical Raw Materials Act von 2023 setzte das Ziel, bis 2030 mindestens zehn Prozent strategischer Mineralien wie Lithium innerhalb der EU zu fördern.
Mit den geschätzten 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonatäquivalent könnte das Altmark-Vorkommen die europäische Ressourcenlandschaft grundlegend verändern. Die unabhängige Bewertung erfolgte durch Sproule ERCE nach dem CIM/NI 43-101-Standard, einem international anerkannten Verfahren zur Ressourcenklassifizierung. Diese Bestätigung verleiht dem Projekt Glaubwürdigkeit auf globalen Märkten und stärkt das Vertrauen potenzieller Investoren.
Die Lage innerhalb eines etablierten Industriegebiets reduziert den ökologischen Fußabdruck erheblich. Neptune Energy beschreibt den Übergang von Gas zu Mineralien als Teil seiner strategischen Neuausrichtung unter der Division „Boost – New Energy“. Die Region verfügt bereits über Pipelines, Straßen und technische Expertise, die für die Lithiumförderung adaptiert werden können.
Hürden auf dem Weg zur kommerziellen Umsetzung
Trotz vielversprechender Pilotphasen steht die kommerzielle Produktion noch aus. Die nächste Etappe umfasst eine Demonstrationsanlage, die zusätzliche Umweltgenehmigungen und technische Validierung erfordert. Deutsche Aufsichtsbehörden werden Grundwasserauswirkungen, Abfallmanagement und langfristige Nachhaltigkeit prüfen müssen, bevor der Vollbetrieb genehmigt wird.
Direkte Lithiumextraktionstechnologien bleiben relativ neu. Pilotsysteme in Deutschland, den Vereinigten Staaten und Teilen Chinas zeigen vielversprechende Ergebnisse, doch der kommerzielle Erfolg hängt von mehreren Faktoren ab. Effizienz, Skalierbarkeit und konstante Qualität der Rohstoffe müssen über Jahre hinweg nachgewiesen werden. Die Wirtschaftlichkeit wird zudem von Lithiumpreisen beeinflusst, die erheblichen Schwankungen unterliegen.
Sollten diese Bedingungen erfüllt werden, könnte Altmark ein Modell für umweltschonende Lithiumproduktion in etablierten Energieregionen darstellen. Branchenanalysten beobachten das Projekt intensiv, nicht nur wegen der potenziellen Produktion, sondern als mögliches Vorbild für europäische Ressourcenautonomie. Die Kombination aus geologischem Glück, technologischer Innovation und strategischer Notwendigkeit schafft eine einzigartige Konstellation. Sachsen-Anhalt könnte von einer vergessenen Gasförderregion zu einem Schlüsselstandort der Elektromobilität werden.












